Am persischen Golf

Baumwollfeld

Baumwollfeld

Nachdem mich die zunehmend kühlen Winternächte der nördlichen Hemisphäre auf meinem Weg durch den Iran immer wieder einzuholen drohten, gelange ich auf meiner letzten Etappe von Shiraz nach Bandar Abbas endgültig in die immer warmen bzw. heißen Regionen am Persischen Golf. Die arabischen Nachbarstaaten bezeichnen ihn übrigens neuerdings als Arabischen Golf, eine weitere Differenz, die immer wieder zu Reibungen mit dem Iran geführt hat.

Bandar Abbas, die wichtigste Hafenstadt des Landes, will zunächst gar nicht überzeugen. Zwielichtige Gassen und Gestalten umgeben von zumeist heruntergekommenen billigen Zweckbauten reihen sich um die Hauptstraße der Stadt, die, wie in fast allen anderen Städten des Landes auch, Imam Khomeini Straße heißt. Die Hotels sind voll oder teuer und ich irre zwei Stunden durch die Hitze, bevor ich mich zähneknirschend in einem der preisintensiveren Unterkünfte niederlasse. Statt einer entspannten Strandatmosphäre, die ich mir für meine letzten Tage im Iran und meine Wartezeit auf die Fähre gewünscht hätte, finde ich mich in einer hektischen, lauten, baulich unattraktiven und scheinbar reizlosen Küstenstadt wieder. Hätte ich gewusst, dass ich aufgrund von Problemen mit der Polizei und dem Fährenfahrplan fast eine ganze Woche hier ausharren muss, wäre ich vermutlich gleich weiter gezogen.

Bandar Markt 4

Bandar Markt 4

Das erste Gefühl bei der Ankunft ist jedoch trügerisch, das hatte ich schon des öfteren erlebt. Alles ist neu, fremd und ungewohnt. Menschen sehen anders aus und in rein interessierte Blicke interpretiere ich Missgunst oder Abneigung. Solange ich keine Bleibe habe, kein Dach über dem Kopf, fühle ich mich angreifbar und bedürftig. Selten habe ich jedoch den Sympathieumschwung so stark erlebt wie in Bandar. Nach Sonnenuntergang begebe ich mich auf Nahrungssuche und schlendere durch die Markt- und Basargegend, die sich zwischen Hauptstraße und Küste in verwinkelten Gassen verliert. Die gnadenlose Hitze des Tages macht die Nacht zur idealen Zeit für Erledigungen und Geschäfte aller Art. Mit der Dunkelheit erwacht hier das Leben. Die Mischung der Menschen ist vielfältig. Zu den Iranern, gesellen sich Araber und sehr dunkelhäutige fast afrikanisch aussehende Menschen, die eine ebenso vielfältige wie chaotische Warenauswahl anbieten. Verbrauchte und sonnengebrannte alte Männer sitzen überall am Straßenrand und bieten allerlei herkunftsdubiose Waren von goldenen Uhren über chinesisches Spielzeug bis zuUnterwäsche an. Vor den Läden auf Küstenseite stapeln sich scheinbar gerade gelieferte Boxen mit Tiefkühltruhen und Mikrowellen und überall schieben Männer überladene Handkarren durch die Mengen. Frauen hinter Gurken- und Tomatenbergen schreien und zetern, muskulöse und sehnige Fischer zerhacken Fische, in feinste Tücher gehüllte Araberinnen beäugen Schmuck, ein paar Greise sitzen um eine Wasserpfeife und ich bin glücklicher Besitzer eines weiteren Bananenshakes und genieße das Durcheinander. Die Mischung der Eindrücke ergibt eine besondere Stimmung, ein Hafenflair der etwas anrüchiges, zwielichtiges hat. Schmuggeln ist hier an der Tagesordnung und jeder scheint hier nach der nächsten günstigen Gelegenheit Ausschau zu halten. Bandar lebt. Ich bin fasziniert davon und stelle überrascht fest, das ich kaum einen Marktbummel auf meiner Reise mehr genossen habe, als den Nachtbummel durch Bandar.

Auch hier werde ich immer wieder von interessierten, meist jungen Leuten angesprochen, die Englisch reden und sich austauschen wollen. Wieder sind meine Gesprächspartner unzufrieden mit ihrer Isolation und denken ans Auswandern. Man blickt über den Golf zu den reichen arabischen Emiraten, die sich durch geschickte Entscheidungen und großzügige Öffnung (und Öl), Wohlstand, Wissen und Chancen ins Land geholt haben. Chancen die man im Iran nicht findet. Nicht nur einmal höre ich Aussagen wie „Ich will lieber frei sein, als Moslem“, aber es ist nicht der Islam, der unfrei macht. Wir sind nicht mehr die, die wir 1979 (Revolution) waren, sagt R. mein selbsternannter, hochgebildeter Reiseführer in Shiraz. Er drängt sich mir zwar etwas auf, aber die Menge an Wissen, gepaart mit den passenden Zitaten von Hafes oder Saadi beeindrucken und ich lasse mich von ihm willig durch die Stadt führen. Ich lobe die Iraner für ihre Herzlichkeit und für den auffälligen sozialen und warmen Umgang miteinander. Auch nach drei Wochen hier empfinde ich den Unterschied zur deutschen „Das ist mein Zaun“-Gesellschaft frappierend stark. R. sieht die Werte aber schwinden. Die Religion verliert trotz islamischer Führung und Propaganda zunehmend an Bedeutung und mit ihr scheinen die sozialen islamischen Grundgedanken in den Hintergrund zu treten. Die Moscheen sind leerer, die zahllosen Läden mit Technik von Fernseher zum Handy aber überfüllt. Moderne Konsumkultur hat auch den Iran längst erreicht.

Schuhmacher/putzer

Schuhmacher/putzer

Dennoch, Iraner sind außergewöhnlich herzliche, freundliche, interessierte und hilfsbereite Menschen, die aus meiner Erfahrung trotz ideologisch halsstarriger Führung nicht den objektiven Blick auf die Welt verloren haben. Man liebt Deutschland und kennt zumindest ein paar Fußballspieler. Ich fühle mich immer willkommen und im Gegensatz zu so vielen anderen touristischeren Ländern geht es meist nicht darum, ein begonnenes Gespräch in ein Verkaufsgespräch zu verwandeln. Das hundert mal gehörte „Hallo and welcome to Iran“ ist und bleibt nichts weiter als ein Willkommensgruß. Inwiefern mein Blick auf die Iraner und deren Einstellungen auf eine Mehrheit verallgemeinerbar ist, bleibt jedoch fraglich. Natürlich interagiere ich vor allem mit den mir und dem Westen allgemein positiv eingestellten Menschen, mit ähnlichen, meist regierungskritischen Auffassungen. Welchen Anteil diese an der Gesamtbevölkerung haben, vermag ich nicht zu sagen. Doch bis zu letzt, auf der Fähre nach Scharjah, sitze ich umgeben von Männern und Frauen, die einstimmig und überzeugt lieber heute als morgen der elitären Ayatollahschaft den Rücken kehren würden.

Apropos Fähre, ich hatte ja bereits während meines Passmalheurs Bekanntschaft mit der Bürokratie im Lande gemacht. Was ich durchmachen machen musste, um mein Motorrad auf die Fähre zu bekommen, lässt jedoch selbst diese Erfahrung vergleichsweise lächerlich erscheinen. Ich will euch nicht mit den Details langweilen, daher hier die traurige Zusammenfassung in Zahlen. Von der ersten Ankunft im Büro der Reederei bis zur Abfahrt der Fähre waren 2 Tage, 23!!!! verschiedene Stationen, ca. 12 verschiedene Unterlagen (ohne Kopien), mindestens ebenso viele Stempel und noch mehr Unterschriften nötig. Keiner kennt den gesamten Prozess von Anfang bis Ende, die meisten wissen nur was sie selbst tun und welche Voraussetzungen in Form von Unterlagen und Unterschriften dafür nötig sind. Wenige haben den Überblick über eine Gruppe von Stationen. Diese können einen dann eine gewisse Zeit lang führen und sicherstellen, dass man bei Ankunft in der nächsten Station alles nötige bereit hat und nicht wieder woanders hin muss. Ich schätze, dass ich unterm Strich außer meiner eigenen Zeit mindestens 6 reine Mannstunden von diversen Angestellten und Helfern verbraucht habe. Meist benötigt man eine bestimmte Person, um weiter zu kommen. Ist diese gerade nicht da, was bei 23 Stationen häufig passiert, oder gerade beschäftigt, hängt man fest. Was im Einzelnen auf den Stationen passiert, weiß ich nicht, aber im Wesentlichen ist es eine Zollangelegenheit. Nur einmal am Anfang des gesamten Prozesses, hat ein Mann einmal aus der Tür auf das Motorrad geschaut und gesehen, dass es sich tatsächlich um eine Yamaha handelt. Der gesamte Rest ist reine Papierbefriedigung.

Strandschischastand

Strandschischastand

In der milden Brise der frühen und meiner vorletzten Nacht sitze ich am felsigen Strand vom Bandar Abbas und ziehe genüsslich an meiner Wasserpfeife, die ich von einem kleinen Stand mieten konnte. Ich beobachte die Frachtschiffe vor mir in der Bucht, während hinter mir der Tumult des nahe gelegenen Basars tobt und der Muezzin in der eigenen iranischen Weise singt. Eine Gruppe Iraner setzt sich neben mich auf einen mitgebrachten Teppich und man bietet mir Kuchen an. Wir lachen über meine Photos und unsere Verständigungsschwierigkeiten. Der Iran schafft es bis zuletzt, mich immer wieder positiv zu überraschen.

Zehn Wochen nach meinem Aufbruch in Berlin komme ich in Dubai an und wundere mich über die verflogene Zeit und die immerhin 12500 verfahrenen Kilometer. Hunderte von Begegnungen und tägliche neue Eindrücke und Herausforderungen hat mir der Ausflug geschenkt und mir wieder eindrucksvoll bestätigt, dass ich keine persönlich nachhaltigere und erfüllendere Art kenne, verdientes Geld wieder auszugeben oder sagen wir mal in Erinnerungen und Erfahrungen anzulegen. Ich hatte es im Vorfeld nicht anders erwartet, freue mich aber es wieder bestätigt bekommen zu haben, die Menschen auf die man unterwegs trifft, sind fast ausnahmslos herzlich und überraschen oft mit Güte und Freundlichkeit weit jenseits dem, was wir als normal empfinden würden. Das gilt insbesondere für den Iran. Schurken habe ich im angeblichen Schurkenstaat jedenfalls keine gefunden, nicht einmal während meines Gefängnisbesuches. Nein, man ist nicht verrückt, hier Urlaub zu machen, um den häufig im Vorfeld geäußerten Bedenken zu widersprechen. Verrückt ist, das viele glauben es wäre verrückt. Statistisch gehört der Iran zu den sichersten Reiseländern überhaupt und jenseits der Statistik vermutlich zu den herzlichsten.

Ach, fast hätte ich es vergessen. Die Tenere. Sie hat gehalten was sie versprochen hat und mir viel Freude bereitet. Es gab auf der gesamten Fahrt nicht einmal den Hinweis auf ein mögliches Problemchen, kein verbrauchtes Öl oder Wasser, kein Klappern oder sonstige seltsame Geräusche. Sie fuhr am letzten Tag genauso wie am ersten, nicht besonders aufregend, aber stoisch zuverlässig, selbst in gröberen Geländeinlagen. Die ideale Begleitung für diese Tour.
.. und die Nächste ;).

In diesem Sinne, Danke an alle fürs Mitlesen und bis zum nächsten Mal :).

Der andere Iran

Ich hatte den Abschlussartikel bereits formuliert. Eine runde und positive Sache hätte es werden können, doch meine Erlebnisse der letzten Tage im Iran zwingen mich, diesen Beitrag einzuschieben. Die Geschichte geht so:

Am geplant vorletzten Tag, dem Tag bevor mich die Fähre in die Vereinigten Arabischen Emirate bringen sollte, entscheide ich mich, einen Ausflug auf Hormus Island, einer kleinen, rauen und ruhigen Insel mit einer sehenswerten, portugiesischen Festung, zu machen. Auf der morgendlichen, 30-minütigen Fahrt in einem kleinen Schnellboot treffe ich Ali, einen Informatikstudent, der zu einer Lesung auf die kleine Uni der Insel fährt. Überrascht, dass es überhaupt eine Schuleinrichtung in dem winzigen Ort gibt, nehme ich seine Einladung zur Besichtigung der Uni an. Spontan aktuellen Planänderungen zu folgen, hatte sich bislang immer ausgezahlt. Diesmal sollte es anders kommen.

Schüler Demo 2

Schüler Demo 2

Da das Freitagsgebet ansteht, verlassen die meisten Schüler gerade das Gelände und es gibt wenig zusehen. Wir folgen ihnen zur Hauptstraße des andernfalls vermutlich schläfrigen Ortes und treffen dort auf eine kleine Demonstration von Schülern im Alter zwischen etwa 6 und 14  Jahren. Sie tragen die Uniformen ihrer Klassenstufen und halten Poster und Banner mit meist persischen Aufschriften oder Bildern von  Khomeini und Khamenei. Die einzigen englisch beschrifteten Schilder, beinhalten den Slogan „Down with U.S.A.“ und sind in großer Anzahl zu sehen. Am Start des kleinen Schülerumzugs spricht ein Mann in grünem Militäranzug recht energisch in ein Megaphon. Die Prozession erinnert mich doch recht stark an ideologisch gesteuerte Umzüge aus meiner Kindheit. Wir trugen blaue Halstücher und Poster mit Erich Honecker und Karl Marx drauf. Der Anblick einer Gruppe 5-6 Jähriger, die passend zu ihrer froschgrünen Uniform in großer Anzahl grüne Anti-USA Banner tragen, schockiert mich allerdings. In frühesten, unschuldigen Alter wird organisiert ein Hass gesät, der bei Vielen zu genau der Pauschalabneigung gegenüber einer Bevölkerungsgruppe führen wird, die die Basis für Missverständnisse und Kriege sind. Ein Hass der gegen rationale Argumente und andere Ansichten blind macht. Was ich sehe, ist die Bild gewordene Scheuklappenideologie einer Regierung, die in krassen Gegensatz zu den Meinungen und Ansichten aller  Iraner steht, die ich in den vergangenen drei Wochen kennenlernen durfte.

In diesem Zusammenhang sind mir auch einige Propagandavideos im Fernsehen aufgefallen. Zwei Beispiele:
Eines zeigt abwechselnd die Bilder der gestürzten Diktatoren Nordafrikas auf Dominosteinen und Mitschnitte aus den dazugehörigen Massendemonstrationen, die zur Befreiung geführt haben. Ein Stein nach dem anderen fällt mit lautem Krachen zu Boden. Dann sieht man weitere Demonstrationen und letztlich alle Dominosteine erneut hintereinander aufgereiht. Am Ende der Reihe stehen aber drei Weitere, die die Bilder der Herrscher von Bahrein, Jemen und Saudi Arabien zeigen. Die Steine fallen erneut und einer kippt den anderen. Die letzten drei stehen noch, aber kippeln stark und fallen fast. Das Video zeigt deutlich wie isoliert der Iran nicht nur gegenüber dem Westen, sondern auch gegenüber vielen Staaten der Arabischen Liga dasteht, mit denen es ebenfalls größere Differenzen gibt.
Ein weiteres Video zeigt abwechselnd einerseits Iraner bei Demonstrationen und symbolträchtige Bilder, wie brennende amerikanische oder kraftvoll wehende iranische Flaggen und andererseits amerikanische Soldaten und Panzer in meist sehr aggressiven Bildern in denen insbesondere die Brutalität gegen einzelne, schutzlose Einheimische gezeigt wird. Die Botschaft ist auch ohne Verständnis der eingeblendeten Texte eindeutig. Wir sind der Fels und das Gewissen gegen die amerikanischen Aggressoren. Dass die Amerikaner maßgeblich daran beteiligt waren, in den gezeigten Bildern die beiden feindlich gesinnten Nachbarn Iran’s, Irak unter Hussein und Afghanistan unter den Taliban, zu beseitigen, ist dabei irrelevant.

Ich mache einige Bilder der kleinen Demonstranten, als ein Soldat herüberkommt und uns zu seinem Vorgesetzten herüberbittet. Da ich keinen Pass bei mir trage, dieser wird meist vom Hotel einbehalten, werden Ali und ich ohne weitere Worte zum Quartier der Grenzpatrouillien abtransportiert. Mit diesem Schritt wird ein bürokratischer Vorgang in Gang gesetzt, der selbst Douglas Adams‘ Vogon hätte erblassen lassen. Wir werden jeweils zweimal über den „Vorgang“ ausgefragt. Es entstehen 4 handgeschriebene A4 Schriftstücke, mit Unterschriften, Stempeln und unseren Fingerabdrücken. Ich versuche immer wieder anzuregen, das Hotel anzurufen, um mich und mein Visum bestätigen zu lassen, stoße aber lediglich auf Unverständnis. Ein derartiges Vorgehen entspricht offenbar nicht dem korrekten, offiziellen Vorgang. Etwa zwei Stunden später sitzen wir wieder im Auto, setzen Ali an der Uni ab und fahren weiter Richtung Hafen. Mein einziges Sprachrohr ins Persische ist damit abhanden gekommen. Der Offizier auf dem Beifahrersitz fragt mich, ob ich den Koran mag und zieht aus seinem Kuli ein kleines Rollpapier heraus, dass offenbar eine Passage des Koran enthält. Er küsst es und berührt es mit der Stirn. Natürlich liebe ich den Koran! Deutschland ist gut, sagt er, schließlich sind wir auch Arier. Das die in diesem Zusammenhang häufig in verbindung gebrachten Nazis zum Ariertum eine etwas andere Definition hatten, ist ihm vermutlich nicht bekannt. USA, Großbrittanien und Israel sind schlecht, sagt er sehr abfällig und macht dabei die Halsdurchtrennhandsymbolik und ich bin heilfroh ein Deutscher zu sein. Nein, natürlich mag ich die Amis auch nicht, bestätige ich rückradlos. Er fängt an mit einer Hand Schussgestiken auszuführen und mich über den Rückspiegel abzuschießen und will wissen ob ich Schusswaffen mag und lacht dabei. Mir wird zunehmend mulmiger. Als wir am Hafen vorbeifahren und in eine kleine vollkommen leere Nebenstraße Richtung Strand abbiegen, kriege ich es endgültig mit Angst zu tun. Man wird mich doch nicht einfach kaltblütig abknallen? Nein, das kann nicht sein, schließlich bin ich Arier und Landsmann von Klinsmann und Ballack. Wir halten neben einem verlassen aussehenden Gebäudekomplex und der Fahrer steigt schweigend aus.
(Werbeunterbrechung 🙂 )
Kurze Zeit später kommt er mit zwei kalten Colaflaschen zurück und drückt mir eine lächelnd in die Hand.

Zur Nachbarinsel Qeshm Island will man mich bringen. Hier befindet sich die Polizei, die jetzt scheinbar offiziell zuständig für meinen Fall ist. Da es kein Boot nach Qeshm Island gibt, nehmen wir das Schnellboot zurück nach Bandar, um dann von hier eine Fähre (50 Minuten) zu nehmen. Zwischendurch bin ich also nur etwa 10 Gehminuten von meinem Hotel entfernt, darf aber trotz allem Drängen und Erklärungsversuchen nicht meinen Pass einsammeln, bzw. einsammeln lassen. Mein Bringersoldat führt strikt seinen Befehl aus und liefert mich in einem deutlich größeren Revier auf Qeshm Island ab. Wieder gehen die Fragen von vorne los, wieder gucken sich alle meine Fotos an, wieder werden Zettel geschrieben. Ein Vorgang der sich noch etliche Male von Neuem mit neuen Personen wiederholen wird. Schließlich nimmt man mir alle Gegenstände ab und ich werde in eine Zelle abgeführt. Der einzige Licht- und Luftzugang ist ein kleines von außen schließbares Fenster in der Stahltür, die mit schwerem Krachen zufällt. Ich starre meinem Türwärter entrüstet und verständnislos an. Ich bin ein harmloser Tourist, dass kann doch nicht eurer Ernst sein, protestiere ich jetzt sehr sauer. „I am sorry“ sagt er. Viel hilft das nicht. Mit diesem Moment fühle ich mich verständlicherweise als Gefangener und beginne automatisch in der Zelle auf- und abzulaufen und mir alle möglichen Ausgänge auszumalen. Meine größte Sorge gilt meinem Rechner im Hotelzimmer. Wenn ich an einen akribischen Beamten gerate, könnte er mein Hotelzimmer und damit mein Laptop durchsuchen lassen, auf dem die eine oder andere irankritische Bemerkung zu finden wäre.

Nach zwei aktiv auf und ab gelaufenen Stunden werde ich in den Vorraum der Zelle geholt. Der hilfsbereite Reviermullah spricht etwas Russisch und versucht zu vermitteln. Außer dass ich nicht mehr in die Zelle zurück muss, sondern von nun an im abgeschlossenen Vorraum sitzen kann, kommt aber nicht viel heraus. Zusätzlich zur Passproblematik hätte ich angeblich auch keine Fotos auf Hormus Island machen dürfen, da es sich um eine Grenzregion handelt. Zwei angeblich wichtige Personen in Zivil kommen herein, und schauen sich eine Stunde lang meine Bilder an. „No problem“ sagen sie am Ende lächelnd und verschwinden. Ich bleibe weiter eingeschlossen.

Weitere zwei Stunden später werde ich ins Büro eines Polizeibeamten geholt, der mich mit seiner nicht zu überbietenden lethargischen Art fast in den Wahnsinn treibt. Wieder Fragen, wieder A4-Zettel, die jetzt mit Blaupausen (ewig nicht gesehen) vervielfacht werden. Allein der Vorgang zwei vorgedruckte Vorgangszettel gegen das Licht gehalten genau übereinanderzulegen, mit einer Nadel zu fixieren und das Blaupapier dazwischen zu legen, dauert eine gute Minute. Im Schneckentempo nimmt er rosa Ordner aus dem Schrank, locht die bislang entstandenen Zettel und heftet sie einzeln! ein. Die Löcher sind nicht genau mittig, also noch einmal von vorne mit einem anderen Ordner. Die Reihenfolge der Seiten stimmt nicht, also wieder von vorne, diesmal mit Nummerierung auf der Rückseite der Zettel. Nach etwa 45 Minuten liegen zwei Ordner fertig vor ihm und er macht eine ganze Weile einfach gar nichts, um dann in einem Anfängerbuch für Windows XP! herumzublättern. Rechner gibt es hier weit und breit keinen. Mir platzt der Kragen. Ich breche das Schweigen und versuche in Erfahrung zu bringen, worauf wir eigentlich warten, was als nächstes passiert und wie lange alles noch dauern wird. Er versteht mich nicht, bzw. gibt unverständliche Antworten. Im Laufe der kommenden Stunde schauen immer wieder neue Gesichter ins Zimmer, fragen wieder von Neuem, schauen sich wieder alle Bilder an. Alle sind gut gelaunt und man bietet mir immer wieder Tee und Kekse an. Keiner hat wirklich irgend etwas zu tun und keiner scheint wirklich nachvollziehen zu können, warum ich offensichtlich unglücklich mit meiner Situation bin.

Es ist bereits dunkel als ich wieder in die Vorzelle gebracht werde und mir wird klar, dass ich die Nacht hier verbringen werde.  Frustriert und sauer beschwere ich mich lautstark über meine Situation. Man muss mich nicht wörtlich verstehen, um zu wissen was ich sage. „I am sorry“ – ja super. Ich werde zunehmend bockiger. Nein ich will euer dämliches Hühnchen nicht, ich will frei sein, denke ich und verschmähe den Teller in meiner Zelle. Ich will nicht gefüttert werden wie ein Haustier und überlege bereits, ob es Sinn macht einen Hungerstreik zu beginnen. Das unangenehme Gefühl eingesperrt in einem fremden Land, im Iran, zu sein, ergreift mich zunehmend. Ich laufe den Großteil der Nacht in meiner Zelle auf und ab und blicke böse in die ständig neugierig herein blickenden Gesichter der Soldaten. Ich fühle mich wie ein Tiger hinter Gittern.

Ich kann es schlicht nicht fassen, als ich es am kommenden Morgen wieder ertragen muss, meinem lahmen Polizisten bei der Prozedur der Beschriftung eines vollen A4-Zettels zuschauen zu müssen. Ein scheinbar höher gestellter Angestellter kommt herein und muss sich mittlerweile durch einen größeren Stapel handgeschriebener Zettel arbeiten, um meinen komplizierten Fall zu durchschauen. Es kommt etwas Bewegung ins Spiel. Man packt die mir entwendeten Sachen ein und ich steige mit zwei Polizisten in ein Auto. Wohin es geht weiß ich nicht. Fahren wir zum Hafen? Kann ich gehen? Nein.

Wir kommen zum Gericht. Ich befinde mich unter einer größeren Menge mit Handschellen versehener Personen, die meist recht unglücklich aussehen und mit militärischer oder polizeilicher Begleitung, die ihrerseits die gleichen rosafarbenen Ordner tragen, wartend im Gang sitzen. In einer Vorauswahl wird auf dem Flur entschieden, dass mein Ordner offenbar höhere Priorität hat und in einen Raum gebracht werden darf. Nach einer halben Stunde wird mein Name gerufen. Alle Zettel im Ordner haben jetzt einen neuen Stempel erhalten. Mit der neuen Errungenschaft stiefeln wir durch die drängelnde Menge in die obere Etage und dürfen offenbar direkt zur Entscheidungsquelle vordringen. Ein großzügiger Raum wird dominiert von einem Holzpult mit dem Relief einer Waage auf der Vorderseite und einem voluminösen Lederstuhl dahinter. Darin sitzt ein recht junger Richter, der einen unglaublichen Aktionismus an den Tag legt. Er versprüht ein persisches Redefeuerwerk in den Raum und scheint mit drei Leuten und zwei Telefonen gleichzeitig zu reden, während andere ihm neue rosa Ordner hinlegen und er Dinge schreibt bzw. unterzeichnet. Die gesamte Angestelltenschaft wirkt im Vergleich wie Kleinkinder, die im Buddelkasten spielen und Papa nach der Schaufel fragen. Alle warten auf die ihnen zustehenden fünf Aufmerksamkeitssekunden, während die Angeklagten im Raum unterwürfig und schuldig dreinblicken. Ein faszinierendes Schauspiel, dass ich von dem mir zugewiesenen VIP-Schuldigenstuhl beobachten darf.

Er überfliegt meinen Ordner und erkundigt sich als erstes, ob wir mittlerweile meinen Pass bzw. ein Fax davon haben. Als die Frage verneint wird, blickt er meine Begleiter verständnislos an. Ich hätte ihn umarmen können. Endlich ein logisch denkender Mensch. Innerhalb von fünf Minuten ist das Fax da. Wir verbringen noch eine Viertelstunde um die Verwirrungen der verschiedenen Zeitrechnungen und Zeitstempel im Visum zu lösen, dann scheint alles geklärt. Ein Schriftführer erstellt nochmals zwei neue A4-Zettel, die ich mit meinem Fingerabdruck unterzeichnen muss. Ein neuer Stempel für alle Zettel und die Unterschrift des Richters sprechen mich frei. Fast, denn zunächst müssen wir für eine weitere Unterschrift wieder zurück zur ersten Station, dann nochmal zum Richter und schließlich zu einer weiteren, bislang unbekannten Tür, hinter der wir unsere Ordner endgültig gegen eine Quittung abgeben können. Fertig. Nach 24 Stunden darf ich ungehindert meiner Wege gehen. Die Rückfahrt ins chaotische Bandar Abbas fühlt sich im Kontrast zu den letzten Stunden wie nach Hause fahren an. Freiheit, was für ein Genuss.

Rückblickend kann ich mich, mit Ausnahme des übertriebenen Kerkers, nicht über eine schlechte Behandlung beschweren. Inkompetenz, vielschichtige Hierarchien und bodenlose, hirnfreie, strikt prozessorientierte Bürokratie haben meinen unkomplizierten Fall hoffnungslos aufgebläht und die Zeit vieler Menschen verschwendet. Die Erfahrung hat mir auch einen Einblick in ideologiefreundliche Schichten des Iran und deren interne Prozesse gewährt. Alarmierend finde ich, wie wenig der Einzelne den Gesamtprozess hinterfragt und lediglich auf sein eigenes korrektes Verhalten im Umgang mit dem nächsten Vorgesetzten bedacht ist. Es ging keinem darum das eigentliche „Problem“ zu beheben oder auch nur zu versuchen es zu verstehen. Jeder war nur darauf bedacht keine Fehler im jeweiligen Vorgangsabschnitt zu machen und alles zu dokumentieren. Dass alle immer sehr nett waren, hilft einem dann nicht weiter. Wenn man hinter Gittern sitzt, freut man sich nicht wirklich, wenn Leute Kaffee oder heiße Schokolade mit Keksen bringen.

Mittlerweile bin ich im übrigen wohlbehalten in Dubai angelangt, aber einen letzten Eintrag zum persischen Golf und dem lebhaften Bandar Abbas reiche ich in Kürze nach.

Zwischenbericht: Esfahan und Shiraz

Lotfollah Moschee

Lotfollah Moschee

Mit beachtlichem Umweg Richtung Nordosten, mache ich mich auf den Weg Richtung Esfahan, der Perle des Orients. Die Aussage bezieht sich in erster Linie auf den zentralen riesigen (weltweit zweitgrößten) Platz, den Dashq-e Jahan und in der Tat, man spürt sofort das Besondere. Umgeben von zwei der schönsten Moscheen der Welt und hunderte kleiner Handwerkerläden, die zum Bummeln einladen, kann man ohne Probleme einen guten halben Tag allein hier verbringen. Die Imam Moschee gehört sicher zu den beeindruckendsten Gebäuden, in die ich je meinen Fuß gesetzt habe. Eine atemberaubende Vielfalt der typisch blauen Fliesenmuster, ist hier in verschwenderischer Menge zu bewundern. Ich befinde mich allein in der großen Haupthallte, spiele mit schnalzenden Zungenlauten mit dem Echo und genieße die grandiose Akkustik. 12 Echos kann man wohl hören, über dreißig sind technisch nachweißbar.

Dashq-e Jahan

Dashq-e Jahan

Sehr schade!, dass es keine Cafes oder Restaurants auf dem Platz gibt. Cafes sind als Orte des Müßigganges von der religiösen Führung (nicht ganz offizielle Interpretation) ungern gesehen und wurden in den vergangenen Jahren geschlossen. Auch die ehemals in großer Vielzahl vorhandenen Teestuben um den weiter südlich gelegenen Fluss sind alle zu. Ich habe auch immer noch keine guten Essensoptionen für mich entdeckt. Auf der Straße gibt es nichts außer unattraktive Wurst- und Fleischimbisse bzw. Pizza und Burgerläden, beides in unterdurchschnittlicher Qulität. Die wenigen Restaurants, die teils schwer zu finden sind, bieten, wenn überhaupt, ein einziges vegetarisches Gericht an. Dieses besteht lediglich aus einer akzeptablen Auberginenpaste und Brot. Wenig aufregend. Auch den Fleischesern dürften die Kebabs langsam aus den Ohren kommen. Ab Shiraz findet man wenigstens Samosas mit Kartoffelfüllungen und Falafelbrote. Mehr als einmal gehe ich hungrig und unzufrieden ins Bett.

Esfahans Basar ist eine der besten Möglichkeiten einen persischen Teppich zu erwerben. Mit etwas stümperhaften theoretischen Vorwissen wage ich mich in einen der größeren Läden und befinde mich nach kurzer Zeit in einem recht professionellen Verkaufsgespräch. Ein Teppich nach dem anderen wird aufgefaltet und präsentiert, für gut befunden oder ausgeschlossen und nach einer halben Stunde habe ich tatsächlich das recht gute Gefühl in all der Vielfalt zu einem Stück vorgedrungen zu sein, das mir zusagt. Ein preisgünstiger Nomadenteppich startet im Verkaufsgepräch dennoch bei 600 € und ich hab ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung was er wohl tatsächlich wert ist. Am Ende zahle ich mit 350€ vermutlich immer noch zuviel, aber das Bauchgefühl ist ein gutes und darauf kommt es an. Von nun an bin ich um einiges schwerer beladen, aber bei absehbar zwei verbleibenden Stationen ist die Mühe überschaubar.

Relief in Persepolis

Relief in Persepolis

Nach Shiraz kommt man in erster Linie wegen Persepolis, der ehemaligen Prunkstadt des ersten persischen Reiches. Als eines meiner lang geplanten Tourhighlightes ist es zunächst etwas ernüchternd. Ein Haufen alter Steine, der einem einiges an Phantasie abverlangt, um die ehemalige Pracht zu erahnen. Überragend aber sind die außergewöhnlich gut erhaltenen Reliefs in den Wänden der Gebäude. Insebesondere wenn man bedenkt, das diese vor gut 2500 Jahren dort eingehämmert wurden.

Achämidengräber

Achämidengräber

Beeindruckender empfand ich die in den Fels gehauenen Gräber der vier größten Herrscher der Achämeniden, die kaum von ihrem ursprünglichen Aussehen eingebüßt haben. Die Perser waren Zoroastrier und bestatteten ihre Toten auf sogenannten Türmen des Schweigens in denen die Leichen von Geiern und Vögeln zerlegt wurden. Die Grüfte der Könige enthielten demnach nur die Knochen der Herscher. Der Ort strahlt eine Ruhe und Ewigkeit aus.

Durch die recht wenigen Kontakte zu anderen und den reibungslosen, fast unspäktakulären Ablauf fallen die Eindrücke im Vergleich zur Wüstenetappe und vorallem zu meinen bevorstehenden Erlebnissen etwas zurück und das obwohl ich gerade hier die stärksten Impressionen erwartet hätte. Es kommt eben immer anders als man denkt! Ich bin derweil bereits in Bandar Abbas am persischen Golf angelangt. Mehr dazu gibt es schon sehr bald!

Dascht-e Kavir

Endlos

Endlos

Ich schalte den Motor aus und setze den Helm ab. Vor mir und im Rückspiegel verliert sich die Straße in einer endlos scheinenden Linie im Horizont. Links und rechts ist nichts als Sand und flimmernde Wüstenebenen. Der langsam abkühlende Motor tickt, ansonsten ist es still. Nicht leise oder ruhig sondern absolut geräuschlos, kein Rascheln von Pflanzen, kein entferntes Rauschen oder Motorbrummen, kein Zirpen oder Zwitschern, totale Stille, einfach Nichts. Draußen sein, heißt hören, sagt intuitiv die Erfahrung und die Ruhe wirkt unwirklich, wie ein Traum. Ich gehe einige Schritte und das Knirschen des Sandes unter meinen Stiefeln wirkt pur und unvermischt. Ich stehe einige Minuten, blicke zum Horizont und sehe und höre absolut keine Veränderung. Noch besser als das Auskosten dieses Momentes der absoluten Reduzierung jeglicher Reize, ist die Gewissheit, dass nichts Plötzliches diesen Moment beenden wird. Dafür bin ich hier. Allein dafür war es den Umweg wert.

Die Fahrbahnmarkierungen fliegen vorbei, ansonsten verändert sich auch während der Fahrt nicht viel. Nur der Wind vereitelt die Illusion auf einem Fahrband zu sein, das wie in einer Simulation unter dem Motorrad abgespult wird. Am Ende das Blickfeldes zeichnen sich die Umrisse von Bergen ab. Es wird eine weitere Stunde schnurgerader Fahrt mit konstanten 110 km/h dauern, bis ich sie tatsächlich erreiche. Ich lasse die Gedanken schweifen und genieße die Weite, als ein Auto auf der rechten Fahrbahnseite auftaucht. Ich beobachte es, während es langsam näherrückt. Eine Person geht zum Straßenrand, wartet auf mich und streckt dann langsam die Hand mit der Kelle aus. Nein!, sprichwörtlich mitten in der Wüste werde ich geblitzt!? 80 hätte ich fahren dürfen, lächerlich auf der offen Wüstenstraße.

Atrappe

es hätte auch eine Atrappe sein können

Zunächst werde ich aufgefordert mein Licht auszuschalten. Das Licht ist leider nicht manuell abschaltbar bei der Tenere. Ein Umstand der sehr viele entgegen kommende Fahrzeuge verwirrt und mit Lichthupen quittiert wird. Ich winke daraufhin meist nur zurück. In der Stadt fahren ständig Leute auf meiner Höhe und weisen mich auf das Licht hin. Ich kann ihnen natürlich nicht ohne Weiteres verständlich machen, dass es nicht abzuschalten ist und es ist eine Frage der Ausdauer des Fahrers, bis er mich für begriffsstutzig erklärt und aufgibt. In Teheran wollte sich einer einfach nicht davon abbringen lassen, mich zur nächsten Werkstatt zu fahren. Es ist einfach keine gute Innovation diesen Schalter bei einer Fernreiseenduro wegzulassen! Nachdem ich diesen Missstand meines Motorrades auch meiner Polizeistreife verständlich gemacht habe, werde ich darauf hingewiesen, dass ich zu schnell war. Ich komme mir zwar etwas dämlich vor, tue aber dennoch als würde ich nicht so recht verstehen. Mit Blick auf meinen Pass und die deutsche Zulassung weiß man aber scheinbar nicht so recht mit mir umzugehen oder ist einfach nur nachsichtig und ich werde schließlich mit der international verständlichen, vertikalen auf und ab Handbewegung zum langsamer fahren, zurück auf die Straße entlassen.

Garmeh 2

Garmeh 2

Erstes Ziel meiner Wüstenfahrt ist eine kleine Oase namens Garmeh. Aus einem Berg fließt Wasser und verwandelt die trockene Einöde in fruchtbares von Palmen übersätes Land. Ein paar Dutzend Lehmhäuschen in unterschiedlichem Zustand und einige bewirtschaftete Felder schmiegen sich in die Palmenvielfalt. Einige Alte sitzen im Schatten und schauen recht unbeteiligt zu mir herüber. Touristen sind keine Ausnahme hier. Es gibt zwei kleine Gasthäuser im Dorf, die seit einigen Jahren Rucksackreisende und Ausflügler aus Teheran anziehen. Die Ruhe der Wüste liegt auch über dem Dorf. Alles geschieht sehr langsam hier. Keiner hat es eilig. Alles scheint Zeit zu haben. Entspannter kann ich mir meinen Übernachtungsort kaum vorstellen und kehre im wunderschön sanierten Gasthaus der Familie Maziar ein. Für eine Nacht genieße ich die Idylle und Einsamkeit der Oase, 300 Kilometer von der nächsten größeren Stadt entfernt.

So eintönig die Wüste auch sein mag, sie verändert sich im Laufe der Durchfahrt doch auf vielfältige Weise. Man sieht Sanddünen, endlos flaches verkrustetes Land, Felsen und Berge und rote und graue Sandstrukturen, die an Mondlandschaften erinnern. Immer wieder halte ich an und laufe ein Stück in die sureale Welt. Zwischendurch gibt es kleine sandfarbene Dörfer, die Reste von Festungen und Siedlungen und ganze Geisterstädte, die verlassen in der Wüste darauf warten, im Laufe der Jahrhunderte endgültig zu verfallen. Interessant sind auch recht große Burgen, die hunderte von winzigen Räumen haben und aufgrund der weichen Linien der Lehmbauweise, innen und außen wie organisch gewachsene, wabenartige Lebensräume wirken.

Ich in Yazd

Ich in Yazd

Auch Yazd, die größte Stadt in der Wüste und angeblich der älteste permanent bewohnte Ort der Welt, hat eine ähnliche obgleich deutlich größere Altstadt. Weiche Lehmstrukturen und Windtürme, die recht effektiv die warme Luft aus dem Innern in einem angenehmen Luftstrom abtransportieren, prägen das Stadtbild. Ich komme im Silk Road Hotel unter, dass durch seinen wunderbar grünen und platzverschwenderischen Innenhof zum Plaudern mit anderen Gästen und stundenlangem Lesen und Teetrinken einlädt. Alle die den Iran besuchen, scheinen irgendwann hierher zu kommen und so treffe ich ein deutsches Paar aus Berlin (Kreuzberg 36!), einen Schweizer, einen Österreicher, der es mit Fahrrad bis hierher geschafft hat, zwei Dänen, zwei Niederländer im Allrad-Toyota und diverse mehr. Keiner hat hier schlechte Erfahrungen gemacht und jeder ist bezaubert von der Schönheit des Landes und seiner Menschen!

Paul umringt von Schulmädchen

Paul umringt von Schulmädchen

Einer der Gäste ist Paul, ein Australier. Als ich ihn zum ersten Mal in den Hof kommen sah, verschlug es mit glatt die Sprache. Paul hatte ich während meiner Afrikatour drei mal unabhängig von einander im Senegal, in Ghana und in Togo getroffen und plötzlich steht er wieder hier vor mir. Keiner von uns hatte die geringste Ahnung das der andere im Iran unterwegs ist. Der Zufall ist geradezu überwältigend. Zusammen schwelgen wir in Afrikaerinnerungen und vertilgen täglich drei bis vier der herausragend guten Bananenshakes, mit Eis und Kokos- und Pistazienraspeln. Hmm.

Kees und Natahlie (schlafen gerade oben)

Kees und Natahlie (schlafen gerade oben)

Eine Nacht in der Wüste, dass muss noch sein zum Abschlus der Wüstenetappe und so machen sich Paul und ich auf der Tenere auf, um irgendwo im freien einsam in die Sterne zu starren. Das zumindest war der Plan. Nach einem Abstecher nach ChakChak, einer Pilgerstätte der Zoroastrier, fahren wir durch einsame Wüstenstrassen auf der Suche nach einer Lagerstätte, als wir am Berghang einen weißen Toyota LandCruiser sehen. Die Niederländer Kees und Nathalie hatten die gleiche Idee und haben sich ausgerechnet in dieselbe Region begeben. Außer uns gibt es weit und breit niemanden und wird es bis zum Morgengrauen auch nicht geben. Da kann man nicht einfach vorbeifahren, denken wir und nehmen dem Pärchen die einsame Wüstenromantik. Statt spartanischem Wüstenausflug sitzen wir auf Stühlen und essen holändische Tütentomatensuppe vom beleuchteten Campingtisch, zu dem wir lokales Brot und Salat beisteuern und schwatzen den ganzen Abend angeregt über Reisen und Reiseerlebnisse. Anders als erwartet, aber man muss die Gegebenheiten eben so nehmen wie sie kommen. Auch schön.

Als nächstes steht nichts weniger als die Perle des Orients und die bedeutendste Sehenswürdigkeit des Iran’s auf dem Program. Dranbleiben also.

Da hatte ich doch im vergangenen Post die Auflösung des Bilderrätsels vergessen. Es handelt sich um eine Skulptur von Aha Hosseini . Diese und eine Reihe anderer sehr ausdrucksstarker Skulpturen befinden sich im Azerbaijan Museum in Tabriz.

Bilderrätsel Auflösung

Bilderrätsel Auflösung

 

Teheran

Sauer Frucht Stand

Sauer Frucht Stand

Ich in interessierter Lehrergruppe

Ich in interessierter Lehrergruppe

Bei frischen zehn Grad Celsius mache ich mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eiskalter Wind fegt über die mehrspurige Verbindungsstraße von Zanjan nach Teheran, kühlt mich bis auf die Knochen aus und vernebelt die Sicht mit aufgewirbeltem Sand. Zusammen mit ausgetrockneten Buschresten fliegen Plastetüten, Pappkartons und diverser anderer flugtauglicher Müll über die Fahrbahn. Kein angenehmer Einstieg in die 15-Millionen Metropole. Während die Straße zunehmend voller wird, fahren immer wieder Fahrzeuge auf meiner Höhe und die Insassen winken und hupen. Die Wilkommensfreude der Iraner ist ungebrochen und immer wieder bemerkenswert. Kaum vergeht ein Halt an dem nicht Leute auf mich zukommen, mit mir reden und mir etwas zum Essen geben und seien es nur iranische Tütenchips , kein Cafebesuch in dem sich nicht Leute zu mir an den Tisch bzw. auf den Teppich setzten und keine Fahrt, in der kein Mopedfahrer mich begrüßt und fragt ob er mir helfen können.

praktisch eigentlich

praktisch eigentlich

Ich wühle mich langsam, aber flüssiger als befürchtet, in die Eingeweide der Stadt vor und kann gar nicht genug betonen, wie dankbar ich über die Führung via GPS bin. Die Karten für den Iran sind nicht immer korrekt aber recht brauchbar und nehmen in erster Linie der Navigation in großen Städten den Schrecken. Ganz nach meinem Motto „Mitfließen ist besser als zu vorsichtig fahren“ passe ich mich einigermaßen dem Verkehrschaos an und kämpfe zusammen mit den anderen Moppedfahrern um jeden Zentimeter zwischen den Blechlawinen. Jeder Raum wird genutzt. Da dies auch die Bürgersteige beinhaltet, sind diese meist mit Blockaden ausgestattet, um die Mopeds von der Durchfahrt zu hindern. Nicht nur einmal fährt mir ein Auto mit der Stoßstange ans Hinterrad, um bloß keinen Zentimeter zu verschenken.

ein Eingang zum Teheran Basar

ein Eingang zum Teheran Basar

Auch in Teheran begebe ich mich auf den Basar, der der Größte und Bedeutendste des Landes ist. Seit der Türkei habe ich viele gesehen und während der Grand Basar in Istanbul kaum an Majestätik und Prunk zu übertreffen ist, sich aber sehr touristisch geprägt anfühlt, imponiert der Teheraner Basar neben der Größe durch Authentizität. Er ist eine Stadt in der Stadt. Dutzende einzelne Basare sind zusammen mit einen ganzen Stadtviertel zu einem fast vollständig überdachten Gesamthandelsplatz verschmolzen. Hat man sich einmal beim Bummeln in den Innereien verloren, ist es schwieriger als man denken würde, wieder auf die offene Straße zurückzufinden. Die Laden- und Produktdichte ist überwältigend. Neben den zahllosen Läden, die sich nach Rubriken in die labyrinthischen Strukturen gruppieren, gibt es auch Banken und Moscheen. Es fahren natürlich keine Autos in den engen Basarwegen, also schieben Transporteure mit Schubwagen die Produkte durch das Gassengewirr an seinen Bestimmungsort. Das Basarleben wird hier echt gelebt und der Basar ist nach wie vor einer der bedeutendsten Warenumschlagplätze des Landes.

Ich befinde mich in der Altstadt, die neben dem Basar auch den Golestanpalast mit beeindruckenden Spiegelsälen und andere Sehenswürdigkeiten enthält, im Verhältnis zum neueren und wohlhabenden Norden aber deutlich heruntergekommener und unansehnlicher ist. Über diverse Freundesverbindungen habe ich eine Kontakt, L., in der Stadt, mit dem ich mich im nördlichen Teil verabrede. Auf der Fahrt dorthin wird mir bewusst, wie riesig Teheran eigentlich ist. In dicht verworrenen Straßennetzen arbeite ich mich 10 Kilometer Richtung Norden und befinde mich gefühlt immer noch mitten in der Innenstadt. Hier ist das eigentliche Teheran, sagt mein neuer Freund und rümpft die Nase über die Ecke in der ich untergekommen bin. Teheran ist viel zu groß, um es es unter einen beschreibenden Hut zu bringen.

Wir fahren gemeinsam in die Wohnung eines Freundes und ich erhalte die Gelegenheit in ein mir völlig fremdes Iranbild, das hinter den Wohnungstüren, Einblick zu nehmen. Frauen sitzen mir plötzlich ohne Kopftuch gegenüber. In Teheran ist der Dresscode der Frauen noch deutlich lockerer als in Tabriz, aber eine Frau ohne Kopftuch gibt es dennoch nicht, auch wenn viele das Kopftuch. derart fadenscheinig auf den hintersten Teil der aufgesteckten Haare werfen, dass es kaum als Kopfbedeckung im eigentlichen Sinne durchgeht. Hinter verschlossenen Türen wird aber nicht nur das Kopftuch abgenommen, sonder auch die Hose ausgezogen, um im luftigen, aufreizenden Kleidchen Platz zu nehmen. Verklemmt ist anders und verhüllt sowieso. Hinter iranischen Wohnungstüren spielt sich eine andere Realität ab, eine in der es Alkohol genauso wie Drogen gibt und man „eigentlich nicht richtig Moslem“ ist. Es gibt keine Clubs oder Diskos und eine MTV geprägte Generation tanzt und feiert in privaten Wohnzimmern. „Das sind richtige Moslems“ meint L. und zeigt auf eine vollständig (außer Gesicht) verhüllte Frau. Diese gibt es genauso und auch zahlreich und die Wohnungstür hinter die ich blicken konnte, ist auch nur eine von Millionen.

Ich erzähle, das man in Deutschland bzw. im Westen denkt, ich bin verrückt, wenn ich in den Iran fahre und ernte natürlich Missverständnis. Warum?, weil das uns vermittelte Bild ein negatives und stark vereinfachtes ist und weil Islam auf eine Art kommuniziert wird, die bei oberflächlichem Medienkonsum als Bedrohung wahrgenommen werden kann und im schlimmsten Fall mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichgesetzt wird. Blickt man etwas genauer auf die geschichtliche Entwicklungen im vergangenen Jahrhundert verwundert es eher, dass die islamische Welt nicht viel abweisender und aggressiver auf die Westmächte und die Invasion westlicher Kultur reagiert hat, als mit Anschlägen extremer Splittergruppen und auch das wir ganz sicher nicht die Guten sind. Naja, oberflächliches Geschwafel, man könnte einen Buchband zur Thematik schreiben.

Alle mit denen ich bislang über die Thematik reden konnte, rümpfen jedoch die Nase über ihren Präsidenten oder ihre religiöse Führung. Man denkt es sind 90% der Bevölkerung, die lieber früher als später eine neue Regierung hätten. Inwiefern das nur der Blick einer bestimmten Gruppe ist, kann ich unmöglich beurteilen. Nach Jahren islamischer Prägung  schwefelt aber auch hier das Bedürfnis nach einer Lockerung, einer Öffnung nach Außen und mehr Freiheit. Eine recht ausgeprägte Internetfilterung hilft nicht unbedingt, um seiner Meinung öffentlich Luft zu machen, aber untereinander tauscht man sich natürlich aus. Nach Syrien, ist der Iran dran höre ich, aber ich spüre keinen revolutionären Funken. Hätte man diesen in Tunesien oder Ägypten gespürt?

Nach 2 wunderbaren Abenden im nördlichen Teil der Stadt und einer zusätzlichen Nacht bei meinen neuen Freunden, in denen ich neben der Gastfreundschaft der Iraner auch gutes Essen und exklusiveres Teheran kennen lernen durfte, geht es nun weiter ins Landesinnere. Der logische Weg von hier aus würde mich auf gut ausgebauten Straßen weiter in den Süden über Qom nach Esfahan führen, man kann aber auch mit großem Umweg und Oasenabstechern einmal quer durch die Wüste fahren. Nun ratet mal für welchen Weg ich mich entschieden habe ;).

erste Schritte im Iran

Zunächst galt es nochmals einen 2535 Meter Pass auf zahllosen Haarnadelkurven zu erklimmen, um in den abgelegenen Süden Armeniens und zum einzigen Grenzübergang zum Iran vorzudringen. Umgeben von hohen Felsungetümen, liegt der verstacheldrahtete Übergang in einer entrückten Welt und flößt Respekt ein. Die Armenier lassen mich zunächst mein gesamtes Gepäck ausräumen, lassen mich dann aber gehen und rufen noch „Grüße an Merkel“ hinterher. Auf Iranischer Seite ist der Einreisestempel schnell im Pass, die Bearbeitung des Carnets, also des Einreisedokumentes für das Motorrad wird mich noch weitere eineinhalb Stunden festsetzen. Es ist immer wieder erstaunlich wie viel Stirnrunzeln, Kollegen fragen und allgemeines Rätselraten dieses Dokument hervorruft. In Afrika hatten wir schon diverse Grenzbeamte beim Ausfüllen unter die Arme greifen müssen.

Ich nutze die Wartezeit, um etwas Bargeld an einem Wechselschalter umzutauschen. Der Iran verfügt zwar über Banken mit Geldautomaten, allerdings ohne Anschluss ans internationale Finanzsystem. Kreditkarten, EC-Karten, Traveler Checks, alles Fehlanzeige. Wer in den Iran einreist, muss die gesamte während des Aufenthaltes benötigte Geldmenge in Bar mitbringen! Das ist natürlich kein Geheimnis und macht mich theoretisch zu einem überaus attraktiven Ziel. Ich muss also auf die viel gelobte Güte und Ehrlichkeit der Iraner vertrauen.

Irgendwann bin ich durch die letzte Schranke und inklusive der Tenere im Iran angekommen. Wir fahren entlang dem Grenzfluss durchs Arastal, das seit Jahrhunderten immer wieder Zeuge militärischer Auseinandersetzungen geworden ist und nach wie vor auf beiden Seiten mit etlichen Wachtürmen und militärischen Grenzstationen überseht ist. Ich fühle mich plötzlich sehr weit weg von zuhause.

Nussladen in Tabriz

Nussladen in Tabriz

Tabris, die erste größere Stadt auf meinem Weg und sinnvoller erster Übernachtungsort, quält mich zunächst mit dichtem Verkehr und ausgebuchten Hotels. Ganze zehn Guesthouses bzw. Hotels, klappere ich ab, bevor ich etwas finde, was nicht voll, zu teuer oder zu ranzig ist. Direkt an der sehr befahrenen Komeini Street, muss ich mich zwar mit Lärm und Abgasen abfinden, aber irgendwann fehlt dann einfach die Kraft zum Weitersuchen. Auch in den kommenden Nächten werde ich mich etwas schwer tun mit den Unterkünften. Günstige Unterkünfte sind zwar zu haben, der Standard ist aber greulich und auf fensterlose Löcher, mit stinkendem Hockeklo ohne Licht und eine Etage tiefer kann ich mich einfach nicht einlassen. Ich habe nichts gegen einfach, von mir aus auch sehr einfach, aber sauber und ein wenig liebevoll und herzlich sollte es trotzdem sein.

Ich schlendere durch die Stadt, um die ersten Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Hier mal eine Auswahl:
Die Ampeln zeigen nicht Rot,Gelb und Grün an, sondern blinken abwechselnd in der Mitte und dann versetzt die beiden Äußeren. Farblich gibt es dabei verschiedene Kombinationen, alle Gelb, Mitte Gelb und außen rot, Mitte rot und außen gelb. Grundsätzlich kümmert sich aber sowieso niemand um irgendwelche Regeln, jeder geht und fährt wie er will, bei Rot oder nicht, den Kreisverkehr links oder rechts rum, die Einbahnstraßen in beide Richtungen usw.. Das Datum ist hier ein anderes. Das Jahr beginnt im März, die Zeitrechnung mit dem Gang Mohammeds nach Medina. Der 18.10.2011 ist z.b. der 1390/07/26. Ein Euro entspricht etwa 17000 Rials. Umgangssprachlich wird aber oft mit Toman gerechnet. Einen Toman gibt es im Grunde nicht, aber er ist immer ein Zehntel des Rial-Wertes. Da beides verwendet, aber nur die Zahl gesagt wird, muss man also ein ungefähres Gefühl haben, was jetzt denn nun eigentlich gemeint ist. Als dritte Möglichkeit werden die zehntausender einfach weggelassen, man sagt also einfach 2 und meint dann 20000.

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Straßenverkäufer mit Kartoffel-Ei-Brot

Entgegen meiner Erwartung sind Frauen nicht verhüllt. Man sieht Jeans und hohe Schuhe, taillierte Kleider und farbige Kopftücher. Konservativer aber genauso oft zu sehen sind zurückhaltende Farben (schwarz, blau), während die Abaya mit einer Hand am Kinn zusammengehalten wird.
Einladend aussehende Restaurants im westlichen Sinne gibt es nicht. Die Stadt ist voll mit kleinen, wenig attraktiven Imbissen, die nichts Vegetarisches anbieten. Auch die in den Vitrinen zur Schau gestellten Wurststapel sehen wenig appetitlich aus. Dafür gibt es Straßenverkäufer die eine Kartoffel mit einem gekochten Ei, Salz und diversen Gewürzen stampfen und in flachem Brot handlich einrollen. Gut, das passt erstmal.
Überall sind leckere Saftläden zu finden, die mit einer großen Vielfalt diverser Obststapel gefüllt sind. Man muss lediglich auf eine, oder eine Auswahl verschiedener Früchte zeigen und bekommt einen frisch gepressten und falls mehrere, gemischten Saft. Lecker und 100% ausländerkompatibel.

Wasserpfeifenkneipe

Wasserpfeifenkneipe

Auf dem Weg zurück ins Hotel halte ich an einer Schischa Stube. Klein und ungemütlich, wie die meisten Etablissements hier, sind Tische in einer Reihe aufgestellt, hinter denen Männer jeder mit einer Schischa und einem Tee sitzen, wie Hühner auf der Stange. Ich will mir das genauer ansehen und setze mich dazu. Ich zeige dem Wirt auf das was mein Nachbar und alle anderen haben und erhalte kurz darauf ebenfalls ein „Gedeck“. Mit Papier rolle ich mir ein Mundstück und den Tee gieße ich in die Untertasse und schlurfe ihn dann mit einem Stück Zucker aus derselben. Alles vom Nachbar abgeguckt! So sitze ich eine gute halbe Stunde, ziehe bedächtig an meiner Schischa und versuche das gleiche Pfeiffgeräusch beim Ausatmen zu erzeugen wie die anderen. Sobald ein Tee geleert ist, bekomme automatisch den Nächsten gereicht. Anfangs errege ich noch Interesse und wir tauschen die üblichen Fragen/Antworten aus, dann gehöre ich zur Männerrunde dazu.

„Hey Mister“, „Hello my friend“ tönt es hier ständig und da es keinem darum geht, mir etwas verkaufen zu wollen, bleibe ich stehen und erwidere den Gruß. Wir tauschen kurz Floskeln aus und lächeln dabei. Im Allgemeinen spricht keiner ein verwertbares Englisch und die Konversationen sind recht schnell erschöpft. In einer dieser Begegnungen mit zwei jungen Eisverkäufern flüstert der eine dem anderen etwas ins Ohr, worauf beide mit der entsprechend passenden Handgeste „Heil Hitler“ sagen und daraufhin in Gekicher ausbrechen. Ich bin etwas perplex, weiß aber auch nicht anders zu reagieren, als etwas verlegen zu Lachen. Iran ist dafür bekannt anti-israelische Kräfte in der Region (Hisbolla, Hamas) zu unterstützen und es ist ein sehr fragwürdiges Vergnügen eine Verbindung zueinander auf Basis Nazideutschlands aufzubauen.

Dorf im Sandsturm

Dorf im Sandsturm

Landschaftlich war der Iran bislang eher ernüchternd, vermüllt, staubig, stinkend, und windig. Normalerweise ist meine Fahrt von etlichen Pausen unterbrochen. Ich mache Fotos oder betrachte Dinge genauer, die ich in der Vorbeifahrt nur flüchtig aufschnappen konnte. Hier suche ich dringend nach Pausemöglichkeiten und finde einfach keine. Staub, Wind und Müll machen Stopps außerhalb von Städten unattraktiv und auch innerhalb gibt es nichts Nettes, keine Teehäuschen, keine Stühle oder Bänke. Also fahre ich weiter und weiter, bis zu meinen geplanten Stopps. Anstrengend. Busse und Laster pusten dicken, schwarzen Rauch auf die Strassen und hüllen Städte und Landstraßen in Smog und Gestank. Manchmal kann ich die Luft einfach nicht so lange anhalten, wie ich möchte.

Ganz so schwarz möchte ich aber nicht enden, denn das Beste hier sind die Menschen.  Man kommt mit vielen, freundlichen Leuten in Kontakt, die nur „Hallo“ und „Willkommen im Iran“ sagen wollen. Kaum stehe ich kurz rum oder blicke in eine Karte, kommt auch schon jemand und fragt mich ob er mir helfen könne. Beckenbauer und Klinsmann werden immer wieder genannt (we auch schon in Afrika – Junge haben die einen Bekanntheitsgrad). Iran fühlt sich zunächst ungewohnter und schwieriger an als vergangene Länder, aber die Menschen um mich herum geben mir das gute Gefühl, dass es bei Schwierigkeiten nicht an Hilfsbereiten mageln wird.

Mit Abstechern über die eine oder andere Sehenswürdigkeit werde ich morgen voraussichtlich in Teheran angekommen sein und einige Tage in der Hauptstadt verweilen, bevor es weiter ins Landesinnere und in die Wüste geht. Sehen wir mal was der Iran in seinem Kernland zu bieten hat.

Angst vor ...

Angst wovor? Auflösungsbild im kommenden Beitrag! 🙂

Armenien

Herbstimmung 1

Herbstimmung 1

Diesmal wurde der Schalter Richtung Herbst umgelegt. Nach dem grünen Tiflis wechseln die Bäume ihre Farbe zu gelb und rot. Die Straßen sind bereits überseht mit Laub und ich fahre durch einen bunten, wirbelnden Blätterregen. Nur die immer noch sehr warmen 26 Grad (Nachts allerdings sehr frisch) verhindern, dass ich mich gänzlich nach Herbstdeutschland versetzt fühle.

Armenien hat es nicht gerade leicht im Umfeld seiner Nachbarn. Die Grenzen zur Türkei sind geschlossen (Genozitkonflikt) und die Grenzen zu Aserbaidschan im Osten und im Westen sind ebenfalls geschlossen (Bergkarabachkonflikt). Mit Russland haben sie zwar gute Beziehungen, aber keine Grenze – schlecht. Dazwischen liegt Georgien, was wiederum schlechte Beziehungen mit Russland (Kaukasuskrieg) und eine halb geschlossene Grenze (bestehend aus einem! Grenzübergang mitten im Kaukasus) hat – noch schlechter. Zugang zu offenem Gewässer haben sie ebenfalls nicht – prinzipiell immer ganz schlecht. Bleibt noch die islamische Republik Iran im Süden, die sich ihrerseits vielen Sanktionen durch den Westen ausgesetzt sieht. Keine einfache Position, um sich frei zu entwickeln, zumal es bei keinem der Konflikte in der Region nach einer Lösung in naher Zukunft aussieht. „Its complicated“ sagt Irakli, mein sympathischer Gastgeber in Tiflis. Kompliziert und festgefahren, kein Wunder, wenn es schleppender vorangeht, als möglich.

Sowjet Kino

Sowjet Kino

Ich lege eine langsame Gangart ein und unterbreche die Fahrt nach Jerewan, der Hauptstadt des Landes (von der ich selbst nie gehört hatte), für einen Zwischenstop in Dijilan. Eine der schönsten Gegenden des Landes soll es sein, Pensionen und B&Bs soll es geben und sowjetische Künstler und Denker hat es seit eh und je in die mit Laubwald bewachsenen Berge gezogen, liest man. Soweit stimmt das auch alles, aber die Realität weicht von der geweckten Assoziaten dennoch weit ab. Der Ort wird durch Sowjetarchitektur geprägt, die ihre Blütezeit seit langem überschritten hat. Das Kino ist verlassen und hinter der Eingangstür stapeln sich Zementsäcke. Die Fenster des Einkaufzentrums im Zentrum splittern und werden durch improvisierte Holzklammern zusammengehalten. Vom einstigen Warenhaus der Stadt ist nur noch ein einfacher Supermarkt im Keller geöffnet, der Rest steht leer. Kioske sind geschlossen, die Fenster verstaubt. Eine wuchtige Zementbushaltestelle verfällt. Ein verrostetes Stahlrohr sprießt hervor, der Rest wird von Moos bewohnt. Ein einzelner Mann wartet darin. Es ist still. Hier und da trotten ein paar Menschen die Bürgersteige entlang. Laub fliegt durch die Straßen.
Man kann sie förmlich noch sehen, die leuchtenden Kinderaugen mit dem Softeis in der Hand, die auf ausgestellte Spielwaren in den Schaufenstern starren. Geschäftiges Treiben, ein Kommen und Gehen im Zentrum, Menschen die am Brunnenrand sitzen und sich in der Sonne ausruhen. Heute sitzt keiner am Brunnen. Er sprüht noch Wasser, scheint aber auch nicht so richtig zu wissen warum eigentlich. Wie auf einem verlassenem Rummel fühlt es sich an. Ein wenig melancholisch, man spürt die Zeit und die Veränderung. Es macht ruhig, aber es ist auch schön, irgendwie friedlich.

Mit Erkältung und in strömenden Regen kämpfe ich mich nach Jerewan. Groß sind meine Erwartungen nicht an eine Stadt, die in erster Linie eine Planstadt aus Sowjetzeiten ist und praktisch keine historischen Viertel oder Gebäude aus seiner langen Geschichte übrig hat. Ich komme in einem familienbetriebenen Hostel (Glide Hostel) unter und fühle mich nach kurzer Zeit bereits wie der Sohn der Familie. Die Betten sind bemerkenswert schlecht (man spürt praktisch jede Feder und den darunterliegenden Rost), aber ich fühle mich wohl und stelle einmal mehr fest, wie unwichtig die „harten“ Faktoren sind, solange man herzlich aufgenommen wird . Der Name Glide-Hostel ist entstanden, weil der Sohn der Familie ein Paraglider ist und entsprechend Flüge im bergreichen Armenien anbietet. Nach einem Abend über Paragliding-Videos und mit meinen Erinnerungen an eigene Sprünge, bin ich einmal mehr zur der Überzeugung gelangt, dass ich das bei Gelegenheit auch probieren sollte!

Streetart Yerevan

Streetart Jerewan

Überladen mit guten Tipps für Jerewan und Umgebung, mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Sie ist großzügig angelegt und grün, geschäftig aber entspannt, überseht mit Cafés, Ausstellungen und allerlei Ständen und Fußgängerzonen. Man begegnet Streetart und Straßenmusikern, sieht Liebespaare in den Parks und singende Mädchengruppen, die durch die Straßen ziehen. Die Frauen fallen mir besonders ins Auge. Sie sind nicht außergewöhnlich schön, aber geben sich diesbezüglich außergewöhnlich große Mühe und häufig mit aufmerksamkeitserregenden Erfolg. In Anbetracht der Nähe des verhüllenden Iran, genieße ich daher die schöne Aussicht und erlaufe die Stadt so weit es Füße und Gesundheitszustand zulassen. Kiew und Tiflis haben eine und Jerewan hat auch eine bekommen, eine riesige, schwerttragende Eisenfrau, die über der Stadt thront. Mutter Ukraine, Georgien und Armenien heißen sie, sehen aber eher kämpferisch als mütterlich aus, aber wer will schon eine übergroße metallene Hausfrau mit Besen über der Stadt sehen. Das wäre aber doch zumindest mal ein pazifistisches Signal, vielleicht sollten wir eine auf den Müggelbergen haben, oder besser ein Mann mit Staubsauger!? Die beeindruckendste Schwertfrau aus den Hipzeiten der Kampfweiber dürfte aber wohl die in Wolgograd sein, aber das ist eine andere Reise.

Ararat

Ararat

Thronen tut vor allem einer über der Stadt, der gewaltige Ararat, der höchste Berg der Türkei. Ich hatte schon bedauert, ihn bei der Türkeidurchfahrt nicht in meine Route pressen zu können, mir war aber nicht bewusst, wie gewaltig sich dieser Berg in riesigem Umkreis in Szene setzt und auch von Jerewan gut zu sehen ist. Ein Whisky, Bier, eine Bank, Hotels, Cafes, Yoghurt und vieles mehr tragen seinen Namen hier.

Verkehrstechnisch geht es nach all den Suizidfanatikern Georgiens in Armenien wieder etwas ruhiger zu, wären da nicht die Marschrutkas. Marschrutkas sind 10-Sitzer Transporter, von denen es unzählbar viele gibt und die nach Bedarf halten und Leute aufnehmen bzw. absetzen. Was grundsätzlich der günstigen und flexiblen Beförderung der Bevölkerung zu gute kommt, schadet der entspannten Stadtfahrt. Die rechte, der meist vorhandenen zwei Spuren ist eigentlich ausschließlich den ständig und plötzlich haltenden und startenden Marschrutkas vorbehalten. Da andere Marschrutkas den auf der Marschrutkaspur gerade haltenden Marschrutkas ausweichen müssen, schießen diese Marschrutkas ebenfalls sehr plötzlich auf die verbleibende linke Spur. Man muss also in permanenter Marschrutkaalamstufe verweilen. Selbst auf der Marschrutkaspur zu fahren, ist nur für wirklich Fortgeschrittene oder Abenteuermotorradfahrer geeignet. Wie ihr merkt, mag ich im übrigen das Wort Marschrutka :).

Hier hätte ich auch länger bleiben können, muss ich überrascht bei meiner Abfahrt feststellen und verdanke dies zu einem großen Teil meiner liebenswerten Gastfamilie, die meinem Aufenthalt die wichtige Wärme beigesteuert hat, die so entscheidend für den Gesamteindruck ist. Aber die Tenere wartet bereits ungeduldig und befüllt mit neuem Öl (10000 KM sind schon rum) und so mache ich mich auf den Weg Richtung Süden, vorbei an den zahllosen Klöstern, Mauern, Höhlen, Steinhaufen und was die hier uralte kulturhistorische Geschichte sonst noch alles zu bieten hat.

Boxer, fährt ...

Ural, fährt ...

Ich treffe auf einen Motorradfahrer und seine Frau auf einer alten Ural mit Beiwagen, halte interessiert an und schaue ihnen bei der Arbeit zu. Nach kurzer Zeit kommt der Mann und schenkt mir eine Handvoll Nüße. Eine schöne und keine ungewönliche Geste und da ich dazugelernt habe und immer mehr Essen mit mir rumschleppe als nötig, gebe ich ihm ein Stück meines Süssbrotes aus einer Gegend um Jerewan. Ich mag diese kleinen teilenden Gesten, die so soviel zu einem positiven Miteinander beitragen. Obwohl man potentiell etwas bekommen kann, was ma nicht mag aber im Allgemeinen etwas gibt, was man mag, ist das Resultat meist ein Gutes. Die Geste schafft etwas, was mehr wert ist als das Produkt.

Nach der farbenfrohen Herbstaugenweide, in der ich das nördlichere Armenien vorgefunden habe, befinde ich mich nun im deutlich trockeneren Süden und in greifbarer Nähe zum Iran. Ich muss zugeben, ich bin einigermaßen aufgeregt! Einmal werde ich noch wach, dann ist es soweit und ich bin mir sicher, alles wird wieder ganz anders.

Vielen Dank fürs Mitlesen, bis bald und bleibt dran!